Drone und Dauerklang: wenn ein Ton eine Stunde lang bleibt
Ein gehaltener Ton steht nie wirklich still. In ihm arbeiten Schwebungen, Obertöne und der Raum, und genau davon lebt diese Musik.
Man legt eine Aufnahme auf, ein Klang setzt ein, und nach zwei Minuten hat sich nichts geändert. Nach zehn Minuten immer noch nicht. Wer an dieser Stelle abbricht, hat recht und zugleich unrecht: Es ändert sich wirklich nichts an der Tonhöhe, aber sehr viel an allem anderen. Drone ist die Musikform, bei der das Material am kleinsten und die Aufmerksamkeit am grössten ist. Sie verlangt eine einzige Umstellung, und danach passiert erstaunlich viel.
Ein gehaltener Ton steht nie still
Der Grund ist Physik. Zwei Töne, die fast gleich hoch sind, erzeugen eine Schwebung: Ihre Wellen laufen abwechselnd zusammen und auseinander, und man hört ein langsames An- und Abschwellen. Der Takt dieses Pulsierens entspricht genau der Differenz der beiden Frequenzen. Ein Ton mit hundert Hertz und einer mit hunderteins ergeben eine Schwebung von einem Schlag je Sekunde. Wer zwei Instrumente minimal gegeneinander verstimmt, bekommt also einen Rhythmus, ohne einen Rhythmus zu spielen.
Dazu kommen die Obertöne. Jeder natürliche Klang enthält oberhalb des Grundtons eine Reihe weiterer Frequenzen, und deren Verhältnis zueinander bestimmt die Klangfarbe. Bei einem gehaltenen Klang wandert das Ohr nach einer Weile von selbst in diese Reihe hinein und beginnt, einzelne Obertöne herauszuhören, die vorher als blosse Farbe erschienen. Das ist keine Einbildung, sondern eine bekannte Eigenschaft des Hörens, und sie ist der eigentliche Vorgang bei dieser Musik.
Warum Drone oft anders gestimmt ist
Unsere übliche Stimmung teilt die Oktave in zwölf gleich grosse Schritte. Das ist ein Kompromiss, der Tonartwechsel erlaubt und dafür jedes Intervall ausser der Oktave leicht verstimmt lässt. Bei Musik mit Akkordwechseln fällt das nicht auf. Bei einem Klang, der eine Stunde lang steht, fällt es sehr auf: Die kleinen Abweichungen erzeugen dauerhafte, unruhige Schwebungen.
Deshalb arbeiten viele Vertreter dieser Musik mit reinen Intervallen, also mit einfachen Zahlenverhältnissen wie zwei zu drei oder vier zu fünf. La Monte Young hat dafür ein ganzes Instrument umstimmen lassen und mit dem Well-Tuned Piano ein Werk geschaffen, das mehrere Stunden dauert; seine dauerhaft klingende Rauminstallation in New York, das Dream House, lässt Besucher denselben Klang seit Jahrzehnten betreten und wieder verlassen. Wer reine Intervalle einmal in dieser Länge gehört hat, versteht sofort, warum Stimmung hier keine Nebensache ist.
Hören Sie einen Dauerklang über Lautsprecher und bewegen Sie den Kopf langsam zwanzig Zentimeter zur Seite. Der Klang verändert sich hörbar, weil sich Ihre Position im Wellenfeld ändert. Bei dieser Musik ist das kein Fehler, sondern ein Instrument: Der Raum spielt mit.
Die Aufnahmen, mit denen man anfängt
Éliane Radigue hat über Jahrzehnte mit einem einzigen analogen Synthesizer gearbeitet und Verläufe geschaffen, die so langsam sind, dass man die Veränderung erst im Rückblick bemerkt; ihre Trilogie de la Mort aus den neunziger Jahren ist der zugänglichste Einstieg. Phill Niblock schichtete Aufnahmen einzelner Instrumente, minimal gegeneinander verstimmt, zu dichten Bändern; seine Stücke klingen aus der Ferne wie ein einziger Ton und aus der Nähe wie ein ganzes Orchester. Stars of the Lid arbeiteten mit Streichern und Blechbläsern in sehr langen Bögen, Tim Hecker rauer und mit hörbarem Verfall, William Basinski hat den Zerfall des Trägermaterials selbst zum Stück gemacht.
Am lauten Ende steht eine ganz andere Familie: Gruppen, die denselben Grundgedanken mit verzerrten Gitarren und Verstärkerwänden ausführen, sodass der Klang körperlich wird. Es ist dieselbe Idee, nur an der Grenze der Belastbarkeit, und für einen ruhigen Abend nicht gedacht. Wer stattdessen eine Fläche mit natürlichen Geräuschen kombinieren will, findet die Kriterien dafür im Beitrag über Regen und Wind aus dem eigenen Fenster.
Wie man eine Stunde durchhält
Es gibt eine Hörhaltung, die bei dieser Musik funktioniert, und sie ist das Gegenteil von Konzentration. Man verfolgt nicht das Ganze, sondern ein einzelnes Element: eine bestimmte Farbe im Klang, eine Schwebung, ein Zischen ganz oben. Nach einigen Minuten wechselt man freiwillig zu einem anderen Element. Das Stück verändert sich dabei nicht, die eigene Aufmerksamkeit tut es, und genau das ist das Erlebnis.
- Nicht mittellaut hören: entweder sehr leise, sodass der Klang im Raum steht, oder deutlich lauter, sodass er körperlich wird.
- Ein Element auswählen und ihm zwei Minuten folgen, dann wechseln.
- Nichts nebenher lesen, aber gern etwas mit den Händen tun.
- Über Kopfhörer hören, wenn der Raum stark mitspricht, über Lautsprecher, wenn er gut bedämpft ist.
- Ganze Stücke hören, nie Ausschnitte: Der Anfang ist der uninteressanteste Teil.
Nicht die Musik entwickelt sich. Das Zuhören tut es.
Das Zimmer als Mitspieler
Ein Dauerklang stellt eine Wohnung vor eine Aufgabe, die normale Musik nie stellt. Weil sein Grundton konstant bleibt, regt er die stehenden Wellen des Raums dauerhaft an, statt sie nur kurz anzustossen. Liegt der Ton auf einer Raummode, dröhnt es an einer Stelle des Zimmers und ist an einer anderen kaum zu hören. Bei wechselnder Musik mittelt sich das weg, bei Drone nicht.
Deshalb lohnt sich hier die akustische Arbeit besonders, und deshalb sind Kopfhörer bei dieser Musik oft die ehrlichere Wiedergabe. Wer den Raum trotzdem einbeziehen will, verschiebt Sitzplatz und Lautsprecher, bis der Ton gleichmässig steht; die Grundlagen dazu stehen in unserem Beitrag über Nachhall, Erstreflexionen und Hausmittel. Und wer nach diesem Ausflug zurück in bewegtere Flächen möchte, findet den Weg in unserem Text über Ambient für lange Abende.
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